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 Rockoper

Jesus Christ Superstar

Ist er unser Retter?

Eine Inszenierung mit vielen Schwächen: Ein großartiger Chris Murray allein kann "Jesus Christ Superstar" in Darmstadt nicht retten. Vor allem die überzogenen und unpassenden Tanzszenen machen der Aufführung den Garaus. (Text: Daniel von Verschuer)
 Premiere: 21.03.2009 Man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, welchen Zweck Choreografie und Tanz in einem Musical zu erfüllen haben. Eine mögliche Definition: Tanz soll die Geschichte unterstützen, sie transportieren, Emotionen wie Liebe, Begeisterung oder Wahnsinn durch Bewegung und Ausdruck sichtbar und erlebbar machen. Was Regisseurin Mei Hong Lin und ihre Choreografin Christina Comtesse in der Darmstädter Jesus-Christ-Inszenierung präsentieren, wird dieser Auslegung nicht gerecht. Die gezeigten Schritt- und Bewegungsfolgen bleiben oft ohne erkennbaren Bezug zu Musik, Handlung und Stimmung - da hilft es auch nicht, dass sie von gut trainierten Profitänzern des hauseigenen Ensembles akkurat ausgeführt werden und ganz interessant anzusehen sind. Was Lin und Comtesse zeigen, ist Tanz um des Tanzes willen, als Selbstzweck, wie man ihn oft im modernen Tanztheater und auch gelegentlich in klassischen Balettinszenierungen findet. Gerade die Massenszenen verlieren aber durch diese aufgesetzten Anleihen an das moderne Tanztheater schnell an Glaubwürdigkeit - der Tanz läuft neben der eigentlichen Handlung her, er überlagert sie mitunter sogar, anstatt sie zu unterstützen. Wenn die Inszenierung dann nach einer Stunde ins andere Extrem kippt und das gesamte Ensemble aus Nebendarstellern, Chor, Statisterie und Ballett squaredance-artig mit simpelsten Bewegungsabläufen den Messias preist, könnte das als gewollter Bruch mit den vorher aufgebauten Erwartungen interpretiert werden - hier ist es einfach nur inkonsequent und nervtötend.
 Sobald sich die kreuzförmige, leicht ansteigende Bühne (Thomas Gruber) leert und Soli oder Duette der Protagonisten anstehen, gewinnt die Show. Chris Murray lebt in der Titelrolle auf, hält die Waage zwischen charismatischem Anführer und fanatischem Aufrührer und fesselt mit seiner grandiosen Bühnenpräsenz vom ersten Auftritt an. Die Solopassagen in "Was ist los" singt er mit dem Rücken zum Publikum - und trotzdem ist der Fokus der Aufmerksamkeit ständig bei ihm. Mit reduzierten, genau abgestimmten Bewegungen und seiner sich mühelos in höchste Höhen erhebenden Rockstimme macht er "Gethsemane" zu einem ganz besonderen Erlebnis.
 An diese Leistung kommt Oliver Fobe als Judas leider nicht heran. Zu Beginn sind seine Bewegungen zu reduziert, zu zaghaft, die innerliche Zerrissenheit des späteren Verräters wird nicht deutlich genug. In "Weil sie ach so heilig sind" oder "Alles wird gut" schreit und presst Fobe zu viel, einige Spitzentöne gehen daneben. Den Verrat und die anschließende Verzweiflung spielt er dann allerdings schlüssig und gestaltet den "Tod des Judas" sehr ergreifend. Als dritten Musical-Gast hat das Staatstheater Sigrid Brandstetter für die Rolle der Maria Magdalena verpflichtet. Sie hinterlässt stimmlich einen soliden Eindruck, kann der liebenden Frau an Jesu Seite in den wenigen Szenen, die Webber und Rice ihr zugestanden haben, aber keine neuen Facetten abgewinnen.
 Die Nebenrollen werden sämtlich von Mitgliedern des Darmstädter Opernensembles verkörpert, was leider nur bei den Priestern (Jeffrey Treganza, Thomas Mehnert, Matthias Zerwas und Christoph Kessler mit ausdrucksstarkem Gesang) gut funktioniert. Der Herodes von Oleksandr Prytolyuk gerät zur Helmut-Lotti-Parodie, David Pichlmaier ist als Pilatus optisch eine Mischung zwischen Falco und SS-Offizier. Beide haben zu klassische Stimmen für eine Rockoper und können außerdem mit ihrem Spiel nicht recht überzeugen, agieren zu steif und zurückgenommen.
 Mit einer routiniert aufspielenden Band (Leitung: Thomas Peuschel) und sicheren Chorpassagen gelingt die musikalische Seite der Aufführung zwar recht ordentlich, die miserable Abmischung - der Gesang ist im Vergleich zur Band, vor allem zum Schlagzeug, durchgängig zu leise - sorgt allerdings dafür, dass davon nicht besonders viel im Publikum ankommt. Insgesamt hat "Jesus Christ" in Darmstadt zu viele Schwächen, um in die Reihe der gelungenen Inszenierungen der letzten Jahre im deutschsprachigen Raum aufgenommen zu werden.

 Musikalische Leitung: Thomas Peuschel
 Inszenierung: Mei Hong Lin
 Bühne und Kostüme: Thomas Gruber
 Choreografie: Christina Comtesse

 Besetzung:
 Chris Murray (Jesus von Nazareth)
 Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena)
 Oliver Fobe (Judas Ischariot)
 David Pichlmaier (Pontius Pilatus)
 Oleksandr Prytolyuk (Herodes)
 Thomas Mehnert (Kaiphas)
 Jeffrey Treganza (Annas)
 Werner Volker Meyer / Matthias Zerwas (Priester)
 Christoph Keßler / Matthias Zerwas (Priester)
 Markus Durst (Petrus)
 Lucian Krasznec (Simon Zelotes)
 Geoffrey Browne, Bo-Chul Chang, Radoslav Damianov, Simone Deriu, Pawel Fojcik, Mikko Järviluoto, Hyun-Seo Ki, Juri Lavrentiev, Stefan Steinbauer, Satoshi Takada, Wolfgang Vetter (Apostel)
 Sarah Rögner, Anne Gerbert, Jeannette Friedrich / Milou Nuyens (Soulgirls)
 Sarah Rögner (Mädchen)
 Lawrence Jordan / Klaus Riedelsheimer (Soldat)
 Stefan Grunwald / Werner Volker Meyer (Ein alter Mann)
 (Text: dv)
 Verwandte Themen: News: Benefizkonzert und "Jesus Christ" mit Chris Murray (17.09.2008)
 Zuschauer-Rezensionen: Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.  10 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:

   
gelungene Umsetzung
25.04.2009 - Mir hat die Umsetzung des Stückes allgemein sehr gut gefallen, vielleicht etwas tanzlastig, aber das war ok. Gute Sänger auf der Bühne. Judas (Mathias Pagani) sang sehr gut, ebenso Maria (Sigrid Brandstetter). Das Ereignis des Abends: Chris Murray als überragender Jesus.
 antonia (6 Bewertungen, ∅ 4 Sterne)    
Die Show vom 18. April 2009
20.04.2009 - Im Allgemeinen hat mir die Show sehr gut gefallen, aber es gab ab und zu ein kleines Haar in der Suppe.
Das erste Haar war Oliver Fobe (dabei hat er gar keine Haare), der den Judas gespielt hat. Singen konnte er wahrlich nicht, aber durch sein intensives Schauspiel machte er vieles wett – also Augen auf und Ohren zu.
Das zweite Haar war Markus Durst. Er hat eine super, super Stimme, aber man konnte ihm wirklich nicht zusehen, wie er sang. Beim singen verzog er so sein Gesicht, als ob er Schmerzen hatte – als Augen zu und Ohren auf.
Alles Andere war sehr gut gemacht, unter anderem die Tanzszenen, welche gekonnt choreografiert waren. Leider war die Bühne manchmal zu sehr mit Darstellern überfüllt.
Was mir wirklich gut gefiel, waren die Priester, welche super toll gesungen haben und die herrlichen Engel, eine Augenweide.
Maria (Sigrid Brandstetter) hatte eine tolle Ausstrahlung und Stimme. Ihr Zusammenspiel mit Jesus war tief ergreifend. Sie verstand es, ihre Verliebtheit bis hin zu Trauer sehr gut auf der Bühne umzusetzen.
Nun das Beste zum Schluss: Chris Murray. Er hatte ein ideales Gespür für die Bühne. Er spielte seinen Jesus mit Anmut, Stolz, aber auch mit tiefster Zerrissenheit. Und seine Stimme kannte keine Grenzen, was die Tiefen und Höhen betraf.
Beeindruckend war auch der Schluss. Das Publikum war von der Kreuzigung so tief betroffen, dass es Minuten dauerte, bis die Darsteller für ihre Arbeit mit reichhaltigem Applaus belohnt wurde.
Mein Fazit: Eine sehr gute Inszenierung, mit ein paar kleinen Makeln. Ich sag nur: hinfahren und anschauen – es lohnt sich!
 Hoppel (erste Bewertung)    
wenns doch nur lauter gewesen wäre!
15.04.2009 - Meine Rezension würde sich ganz ähnlich wie die von Herrn von Verschuer anhören (natürlich nicht ganz so fachkundig ausgedrückt), wenn ich nicht zu einem anderen Endergebnis kommen würde. Viele Schwächen ja, aber!
C h r i s M u r r a y ! ! !
 evelyn (8 Bewertungen, ∅ 3.3 Sterne)    
Jesus Christ Superstar
11.04.2009 - Nicht unbedingt Neues gibt es zu sehen im Staatstheater Darmstadt, eine solide wenn auch sehr dem Tanz zugedachte Inszenierung, ein gut einstudiertes Ensemble. Was den Abend so besonders macht, sind die Leistungen der Hauptdarsteller. Voran Chris Murray als doch schon routinierter Jesus, der aber immer neue Facetten findet, sowie Sigrid Brandstetter als Maria Magdalena, deren wunderschöne Stimme und Ausdruckskraft jeden ihrer Auftritte zu Höhepunkten macht. Erstklassig! Auch Oliver Fobe als Judas gefällt. Man sollte den Weg nach Darmstadt finden!
H.Hohmann
 Hohmann (erste Bewertung)    
Jesus und Maria sind eine Reise wert
04.04.2009 - Darmstadt - eine wunderbare Vorstellung, tolle Stimmung im Publikum und eine Band die das Haus rockte. Dazu ein charismatischer Chris Murray als Jesus und Sigrid Brandstetter als Maria Magdalena, mein absoluter Liebling des Abends. Sigrid Brandstetter singt nicht nur klar und berührend auch ihr Schauspiel ist sehr intensiv. Man leidet in jeder Minute mit. Ich werde es mir sicher noch einmal ansehen - kann die Show nur empfehlen!
 cassiopeia (erste Bewertung)    
Jesus Christ Superstar 4 ever
29.03.2009 - BRAVO an Chris Murray und Sigrid Brandstetter!
Wunderbare Stimmen, die noch lange im Gedächtnis bleiben!
Roadstar
 Roadstar (erste Bewertung)    
maximal "OK"
27.03.2009 - man konnte den Abend ertragen, aber Vieles war schlichtweg langweilig inszeniert!
Zudem war das Schauspiel vieler Akteure inkonsequent und stellenweise arg erzwungen.
Das Orchester / die Band ;) war nicht auf Zack und der Dirigent hat viele Song einfach viel zu langsam durchlaufen lassen, was es den Darstellern unnötig schwer gemacht hat.
Sehr anstrengend wirkte das grelle Neonlichtdesign des Bühnenbildes.
Dass die Inszenierung tanzlastig ist, wurde bereits erwähnt, und das ist wirklich sehr nervig und macht einige Szenen kaputt.
Wirklich gut waren Pilatus und Caiaphas. Chris Murray bleibt hinter den Erwartungen zurück, da er schauspielerisch anscheinend nicht alles geben DURFTE, und gesanglich ab und zu Probleme mit der Höhe bzw. den Umstieg von tiefen Passagen nach oben hat.
Oliver Fobe ist für mich kein Judas-Darsteller. Er macht nen guten Job, aber ist absolut fehlbesetzt.
 Wicked-Freak (9 Bewertungen, ∅ 2.9 Sterne)    
Der RockMessias
24.03.2009 - Wieder eine Jesus Christ Superstar Inszenierung, diesmal am Staatstheater in Darmstadt, wo das Stück noch nie zu sehen war. Mei Hong Lin, Direktorin des dortigen Tanztheaters hat eindeutig ein Faible für Bilder. Zum Glück auch einen guten Griff für Hauptdarsteller. Chris Murray ist ein Schmerzensmann wie aus dem Bilderbuch, die grossartig singende "Eliza" des Staatstheaters Kassel Sigrid Brandstetter als Maria Magdalena sowie der eher unbekanntere Oliver Fobe als Judas. Grosser Jubel, stehende Ovationen.
 Frank Nordhausen (erste Bewertung)    
Modern und packend
23.03.2009 - Die Premiere der "Jesus Christ Superstar" Inszenierung am Staatstheater Darmstadt geriet zu einem für mich wahren Augen und Ohrenschmaus. Gut, einige Regieeinfälle (siehe Weihnachtsmänner und Bunny Häschen!) sind Geschmackssache, aber die grossen Gefühle die dieses Stück ausmachen wurden transportiert. Allen voran von Chris Murray, ein versierter Jesus Darsteller, der stimmlich aus dem Vollen schöpft. Im zur Seite stand mit Sigrid Brandstetter als Maria Magdalena eine liebende Frau abseits des gängigen "Ich bin eine Ex-Hure" Klischees. Wohltuend, da man diese eindimensionale Maria Interpretation schon hundertfach gesehen hat. Oliver Fobe als Judas tut sich manchmal schwer, bleibt aber schauspielerisch nicht hinter Murray zurück. Auch das Hausensemble macht eine gute Figur in dieser doch tanzlastigen Inszenierung. Sehr empfehlenswert! G.N.
 name.it (erste Bewertung)    
Superstar als Tanzstück
22.03.2009 - Einigen sehr starken Momenten und einem herausragenden Hauptprotakonisten (Chris Murray als Jesus) ist es zu verdanken, dass die Inszenierung dieser Rockoper in Darmstadt nicht zu einem überflüssigen Abend wurde.
Für die Regie verantwortlich zeichnet die Direktorin des Tanztheaters an diesem Haus, und daher kündigt sich bereits während der Overtüre an was wohl noch folgen wird:
viel Getanze (mit zweifelhaftem Bezug zum Plot) und eine Personenführung, die mitunter an die Grenze des Erträglichen geht. So werden Szenen regelrecht "erschlagen" (The Temple, Hosianna)und verlieren ihre eigentliche Tiefe und wirken beinahe schon lächerlich. Warum bedarf es zahlreicher Weihnachtsmänner mit Einkaufswagen im Tempel, um den Konsumrausch zu symbolisieren. Oder eines fast schon debilen Kaiphas, der mit einem Hündchen auf dem Arm während der Verurteilung von Jesus minutenlang wie ein Derwisch über die Bühne hüpft, während ein vollkommen konturenloser Pilatus (keine Spur von seinen großen Selbstzweifeln)abseits des Geschehens bis 39 zählt.
Gut bis genial wird es immer dann, wenn sich die Bühne leert und intimere Augenblicke sich ankündigen (I dont´t know to love him, Gethsemane, Could we start again, please)). Da stimmt dann plötzlich alles und der Zuschauer spürt "großes Theater" mit dem berühmten "Gänsehautfeeling", das einen auch nach mehr als 30 erlebten Inszenierungen in den letzten fast 40 Jahren noch treffen kann. Superstar ohne Firlefans. Hätte die Regisseurin da nur weitergemacht, ein unvergesslicher Theaterabend wäre uns wohl beschert worden.
Zumal auch Bühnenbild und Kostüme ansprechend daherkommen, eine leicht zum Zuschauerraum hin abgeschrägte Spielfläche in Kreuzform mit verschiedenen Abgängen und einer weiteren Möglichkeit in Form eines Gerüstes für vielfältige Szenenwechsel und Spielebenen. Eine stimmungsvolle Ausleuchtung der Szenen zählt ebenso zu den wenigen positiven Eindrücken des Abends wie die Chorszenen.
Grandios die Entscheidung einer Band den Vorzug vor einem synfonischen Orchester zu geben. Unter der musikalischen Leitung von Thomas Peuschel läuft die vielköpfige Band zur Hochform auf und präsentiert die rockige Partitur von Webber perfekt. Ein dickes Extralob!
Dies gilt auch für die gesangliche und darstellerische Qualität eines Chris Murray (wenngleich die Regie ihn das eine oder andere Mal zu überfordern schien).Er lebt als Jesus seine Rolle, er rockt, schreit seine Verzweiflung heraus, ist aggressiv und sanft zugleich. Er ist konzentriet und vermag neben seiner kräftigen Rockstimme auch in den Höhen zu begeistern.
Mit einigen Abstrichen begeistern auch Sigrid Brandstetter als Maria Magdalena und Oliver Fobe als Judas. Letzterer geht leider bei der Superstarnummer in der überfrachteten Szenerie etwas unter. Der Rest der Hauptpersonen (mit Ausnahme von Lucian Krasznec als Simon)bleibt weitgehend blass und profillos.
Ein Problem haben viele deutsche Produktionen: die Übersetzung von Anja Hauptmann. Diese ist bekanntermaßen keine literarische Meisterleistung und wirkt daher eher störund. Meine Bewunderung gilt den Bühnen, die hier den englischen Originaltext vorziehen.
Fazit: Die Regisseurin Mei Hong Lin hat ihr Fachgebiet Tanz in dieser Produktion ausgelebt und dem Stück damit keinen Gefallen erwiesen. Der Rest ist wie so oft Geschmacksache. Dem Publikum hat es gefallen. Mich als "Wiederholungstäter" in Sachen "Superstar" wird es an diesen "Tatort" leider nicht zurück ziehen.
 Strouduk (erste Bewertung)
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