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Klassiker

My Fair Lady

Rotzgöre wird feine Dame


Ein zweifelhaftes Bühnenbild-Konzept macht der angestaubt wirkenden, die Verwandtschaft zur Operette betonenden Inszenierung von Andreas Homoki den Garaus. Überragend: Hauptdarsteller Max Hopp (Professor Henry Higgins) und Winnie Böwe (Eliza Doolittle)!

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:28.11.2015
Rezensierte Vorstellung:27.12.2015


Auf der abgedunkelten, bis auf ein überdimensionales Grammofon leer geräumten Bühne steht in leicht gebückter Haltung Henry Higgins und lauscht verzückt den aus dem Trichter plärrenden Worten Elizas. Es sind die von ihm auf einer Schellackplatte konservierten Aufzeichnungen ihres ersten Besuchs in seinem Haus, als das von ihm als "verdreckt und ordinär" beschimpfte Blumenmädchen um Sprach-Unterricht bettelte. Sucht hier ein narzisstisch veranlagter Phonetik-Papst durch den akustischen Besuch in der Vergangenheit einfach nur eine Bestätigung, aus der "kanibalischen Schlampe" dank brachialer Übungseinheiten eine feine Dame der Gesellschaft geformt zu haben? Oder ist doch sein Herz die sehnsüchtige Triebfeder, Erinnerungen an seine Schülerin abzuspielen?



Regisseur Andreas Homoki gelingt im Finale dieses eine packende Bild. Zu mehr reicht es in seiner recht altbacken wirkenden, sich über drei Stunden über die Bühne schleppenden Inszenierung allerdings nicht. Längen – wie die Ballszene im zweiten Akt – wirken noch länger und bei den pantomimisch untermalten Zähmungsversuchen von Eliza durch ein Zofen-Heer scheut sich Homoki nicht vor klamottigen Überzeichnungen, die allerdings stark vom Song "Bin ein Mann wie jeder Mann" ablenken. Dabei hat die Musik von Frederick Loewe solche Faxen gar nicht nötig. Dies beweist schon das gut gelaunt im Graben aufspielende Orchester der Komischen Oper Berlin unter dem Dirigat von Kristiina Poska. Feinperlend bringt es die Partitur zwischen Operettenseeligkeit und spanischer Habanera-Rhythmik in sinfonischer Pracht akustisch zum Strahlen.



Geradezu innovativ wirkt die Aufführung optisch zunächst durch das Grammofon als Ausstattungs-Leitidee, gleichzeitig ist es aber auch ihr größtes Problem. Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann stellt diverse Trichter-Apparate, bis hin zu bespielbaren XXL-Versionen, in unterschiedlichen Formationen auf die kahle Bühne. Auch wenn zwei Vorhangbahnen, die nahezu in Dauerschleife langsam im Bühnenraum rotieren, einen Hintergrund schaffen beziehungsweise die Spielfläche verkleinern: Unterm Strich bringt das wenig Atmosphäre. Auf der Pferderennbahn wirken die aufgereihten Plattenspieler-Vorgänger sogar irgendwie bedrohlich und machen überhaupt keinen erkennbaren Sinn. Wenn allerdings bei der Hochzeit von Alfred P. Doolittle (bassgewaltig und verschmitzt: Jens Larsen) aus dem Schalltrichter eines dieser Riesen-Geräte Bräute rutschen, dann ist das ein hübscher Revue-Effekt.



Gerade in diesem rhythmischen Song ("Bringt mich pünktlich zum Altar") hätte sich Choreograf Arturo Gama so richtig austoben können, allerdings sind die Mitglieder der Festgesellschaft wegen der Umbauarbeiten zunächst statisch vor einem Vorhang aufgereiht und reichen Plastik-Sektflaschen an ihren jeweiligen Nebenmann weiter. Immerhin schafft Gama es, seine zehn Tänzer und die Chorsolisten in der Ballszene walzerseelig in immer neuen raffinierten Formationen um das zentrale Grammofon gleiten zu lassen. Allerdings lassen die Choristen ihre klassisch geschulten Stimmen zu sehr aufblitzen. Das mag perfekt zur "Ascot Gavotte" der adeligen Rennbahnbesucher passen, ist beim Chor von Higgins-Hauspersonal allerdings übertrieben.



Suboptimal auch die Besetzung des unglücklich in Eliza verliebten Freddy Eynsford-Hill. Adrian Strooper protzt derart bei "In der Straße, mein Schatz, wo du lebst" mit seinem großen, bis in allerhöchste Lage sicher geführten Tenor nebst einem mit viel Verve herausgeschleudertem Glanz-Spitzenton, dass sein Gesang wenig mit dem dargestellten Verlierer-Typen korrespondiert. Stimmig hingegen zeigt sich die Besetzung des treusorgenden Hausfaktotums Mrs. Pearce (Christiane Oertel) und der resoluten, in ihren Hosenanzügen recht emanzipiert angelegten Mrs. Higgins (Susanne Häusler). Christoph Späth als leicht trottelig gezeichneter Oberst Pickering im geschmackvollen Dandy-Look (Kostüme: Mechthild Seipel) verbringt den Großteil seiner Auftritte mit Zeitungslesen und wirkt – vielleicht auch wegen der vor der Vorstellung angekündigten gesundheitlichen Indisposition – etwas abwesend.



Einfach großartig sind die beiden Hauptdarsteller: Max Hopps hornbebrillter Henry Higgins ist ein völlig durchgeistigter Wissenschaftler, der irgendwie die Bodenhaftung zu seinen Mitmenschen verloren hat. Brillant wie Hopp bei Elizas Sprachunterricht mit stoischer Herrschsucht seine Schülerin durch ihre Übungen peitscht und mit kleinen Gesten und Grimassen immer wieder sein eigenes Unvermögen überspielt. Gesanglich sitzt jeder Ton perfekt und im finalen "Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht" blitzt sogar ein schöner, runder Bariton auf.



Hopp absolut ebenbürtig ist Winnie Böwe als Eliza (alternierend: Katharine Mehrling). Als burschikose, berlinernde Kodderschnauze lässt sie sich ebenso wenig die Butter vom Brot nehmen, wie als zu tiefst getroffene Frau, die in der Stunde ihres größten Triumphes von niemandem beachtet wird. Absolut glaubhaft ihr Wandel zur selbstbewussten Lady, die sich an Higgins rächt, indem sie aus seinem Leben tritt. Böwe bewegt sich elegant im Tanz und verfügt über einen schönen Sopran, der alle Klippen der Partitur ohne Probleme meistert.



Gibt es heute noch einen Grund, diesen Musical-Klassiker von 1956 auf die Bühne zu bringen? Wäre Andreas Homokis Regiearbeit das Maß aller Dinge, lautet die Antwort ganz klar: Nein! Wer allerdings in den Genuss kommen möchte, derartig grandiose Hauptdarsteller zu erleben, der sollte "My Fair Lady" nicht zu Hause auf Schallplatte hören, sondern ohne zu zögern die Produktion der Komischen Oper besuchen.

(Text: kw)






Kreativteam

Musikalische LeitungKristiina Poska
Peter Christian Feigel
InszenierungAndreas Homoki
BühnenbildFrank Philipp Schlößmann
KostümeMechthild Seipel
ChoreografieArturo Gama


Besetzung

Professor Henry HigginsMax Hopp
Eliza DoolittleKatharine Mehrling
Mirka Wagner
Alfred P. DoolittleJens Larsen
Carsten Sabrowski
Mrs. HigginsSusanne Häusler
Oberst PickeringChristoph Späth
Tom Erik Lie
Freddy Eynsford-HillJohannes Dunz
Adrian Strooper
Mrs. PearceChristiane Oertel
Professor Zoltan KarpatyZoltan Fekete
Maté Gyenei
ObsthändlerCarsten Lau
Tim Dietrich
Matthias Spenke
Lord BoxingtonAlexander Kohl
Lady BoxingtonDietmut Wauer
Mrs. Eynsford-HillElke Sauermann
Mrs. HopkinsSaskia Krispin
Maria Löwe-Franke
Judith Utke
TänzerShane Dickson
Zoltan Fekete
Paul Gerritsen
Maté Gyenei
Hunter Jaques
Christoph Jonas
Csaga Nagy
Tibor Nagy
Marcell Prét
Lorenzo Soragni
Chorsolisten und Komparsen der Komischen Oper Berlin



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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


Das Rad wird nicht neu erfunden

29.11.2015 - Gefällige Inszenierung, die aber das Rad nicht neu erfindet, mit zwei grandiosen Hauptdarstellern (Katherine Mehrling und Max Hopp). Die ganze Inszenierung hätte ein Kürzung, sowie mehr Timing und Tempo vertragen. Homoki sollte lieber weiter Oper inszenieren. Daher leider nur für das Blumenmädchen in der Komischen Oper nur 3 Sterne.

jongleur (39 Bewertungen, ∅ 3.3 Sterne)


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Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Musical-Oldtimer in uninspirierter Inszenierung (Andreeas Honiki) mit fragwürdigem Bühnenbild-Konzept (Grammophone zwischen sich ständig öffnenden und schließenden Vorhängen). Eine Wucht: Winnie Böwe (Eliza) und Max Hopp (Henry Higgins)!

27.12.2015

 Termine
Sa01.04.19:30 Uhr
Sa15.04.19:30 Uhr


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