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Rockoper

Shockheaded Peter

Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!


© Karl & Monika Forster
© Karl & Monika Forster
Was für ein Kinderbuch! Ein Mädchen zündet sich an, ein Junge hungert sich zu Tode und einem anderen werden die Daumen abgeschnitten. Die Musiker der britischen Band "The Tiger Lilies" haben den "Struwwelpeter" für ihr mit zwei Olivier-Awards ausgezeichnetes, morbid-schwarzhumoriges Bühnenspektakel benutzt. Anders als in der Vorlage kommt im Bühnenstück in jeder Geschichte jemand auf grausame Art und Weise ums Leben. An deutschen Theatern erfreut sich das Stück großer Beliebtheit und auch die Wiesbadener Aufführung kann das Publikum mit Ideenreichtum und aufwändiger Umsetzung begeistern.

(Text: ig)

Premiere:29.10.2016
Rezensierte Vorstellung:03.11.2016


Es scheint, als hätte die Verwandtschaft der Addams Family, die im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters gerade ihr Unwesen treibt, sich nicht mit der kleineren Bühne zufrieden gegeben, sondern das benachbarte Große Haus gekapert. Diese 'Happy Family', wie sie im Programmheft genannt wird, ist aber eher die Sorte schmuddelige, entfernte Verwandtschaft, mit der niemand etwas zu tun haben will. Gar furchterregend sehen sie aus: eine Hautfarbe blass wie Untote, Kleidung in schwarz-weiß, übergroße oder schwarz geschminkte Münder. Man könnte sie für Figuren aus einem Tim-Burton-Film halten. Diese Familie bietet den Rahmen für die bekannten Geschichten. Zu Beginn jeder Sequenz versammelt sie sich an einem Tisch, fasst sich an den Händen und ruft im Chor "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb". Anfangs noch mit aufgesetzter Fröhlichkeit, bröckelt das Bild der glücklichen Familie immer mehr. Von Geschichte zu Geschichte verkürzt sich ihr Mantra bis am Ende nur noch ein "Piep" übrig bleibt.

© Karl & Monika Forster
© Karl & Monika Forster


Der Esstisch als Zentrum der familiären Zusammenkunft ist beherrschendes Element von Stefan Heynes drehbarem Bühnenbild. Von normal groß bis riesig gibt es mehrere Exemplare, die die Darsteller erklettern, bespringen oder hinaufrennen müssen. Auch die Requisiten sind übergroß. Die 'Happy Family' scheint in einer Welt von Riesen gefangen zu sein. Zusammen mit den Kostümen von Anne Buffetrille und einer vortrefflichen Ausleuchtung wird so eine düster-skurrile Atmosphäre geschaffen.

© Karl & Monika Forster
© Karl & Monika Forster


Regisseur Tilo Nest hat dem Stück mit der Familie einen kleinen roten Faden gegeben und satirische Dialoge hinzugefügt, die sich um Familie und Pädagogik drehen. Er trifft pointiert den Kern der Sache, wie man am zustimmendem Nicken aus dem Publikum erkennt. Hier und da hätte aber eine Kürzung nicht geschadet. Die szenische Umsetzung der Songs ist hervorragend gelungen. Ob mit Einsatz von Schattentheater, Hans-guck-in-die-Luft mit einem Smartphone, der Suppenkaspar in einer übergroßen Suppenschüssel oder der fliegende Robert, der kein bisschen traurig zu sein scheint, dass ihn der Wind von seiner Familie wegweht – alles ist kreativ ausgearbeitet und sitzt punktgenau. Auch die Balance zwischen Komik und sehr düsteren Szenen passt perfekt, ohne dass eine Unwucht entsteht.

© Karl & Monika Forster
© Karl & Monika Forster


Das alles funktioniert natürlich nur mit einem großartigen Ensemble, das nicht nur in jeweils mehreren Rollen spielen und singen darf, sondern außerdem auch tanzen, das Bühnenbild erklettern, Rad schlagen und sich als Live-Musiker betätigen muss. Hanno Friedrich, dessen sehr agiler Struwwelpeter als Conférencier durch das Stück führt, kann zusätzlich durch eine rockige Singstimme beeindrucken. Sólveig Arnardóttir spielt vor allem die Mutter – aber ihr Zappelphilipp, der ununterbrochen singend die riesigen Tische hinauf und hinunter rennen muss, bleibt nachhaltig in Erinnerung. Michael Birnbaum, in seinem Kostüm als Vater dem Pinguin aus "Batmans Rückkehr" sehr ähnlich, zeigt, dass er auch ein ausgezeichneter Klarinettist und wortwörtlich unaufhaltsamer Blockflötenvirtuose ist. Die Tochter Sybille wird als gespaltene Persönlichkeit in dick und dünn gleichzeitig von Anja S. Gläser und Barbara Dussler verkörpert, die durch ihr Timing beim Unisono-Sprechen imponieren. Karoline Reinke spielt den Sohn Tim, begleitet sich aber auch selbst mit dem Akkordeon und muss zur Geige greifen. Mats Beyer kann als Schneider in der Daumenlutscher-Sequenz zeigen, was für ein akrobatischer Tänzer er ist. Putzig anzusehen aber inhaltlich unverständlich sind die Auftritte eines Pinguins, der dem Treiben auf der Bühne immer wieder mal zusieht.

© Karl & Monika Forster
© Karl & Monika Forster


Begleitet wird das Ensemble von einer vierköpfigen Band unter der Leitung von Volker Griepenstroh, die durch Vielseitigkeit beeindruckt. Ob lautmalerisch-atmosphärischer Hintergrund der Szenen, Gospel, südamerikanische Rhythmen oder krachender Rock – hier sitzt alles. Zusätzlich tauchen immer wieder Zitate aus bekannten, überraschend passenden Songs auf. Dass der Abend mit Pink Floyds Refrain "We don't need no education" endet, sorgt zwar für gute Stimmung im Saal, ist aber fast etwas platt. Die Band ist sehr gut abgemischt, doch wenn sie in die Vollen geht und das gesamte Ensemble singt, bleibt die Textverständlichkeit auf der Strecke. "Die Geschichte vom wilden Jäger" kann man so allenfalls erahnen.

"Shockheaded Peter" bläst den Staub aus den Schnörkeln des reich verzierten Wiesbadener Theaters und wird vom Publikum dafür einhellig und zu Recht bejubelt.

(Text: Ingo Göllner)






Kreativteam

Regie Tilo Nest
Musikalische Leitung Volker Griepenstroh
Bühne Stefan Heyne
Kostüme Anne Buffetrille
Dramaturgie Katharina Gerschler


Besetzung

Mit Sólveig Arnarsdóttir
Mats Beyer
Michael Birnbaum
Barbara Dussler
Hanno Friedrich
Anja S. Gläser
Karoline Reinke




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Karl & Monika Forster
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


2 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


Kernfamilie mit Pinguin

19.12.2016 - Einstmals als wohlmeinende Erziehungshilfe von Heinrich Hoffmann erdacht, wirkt "Der Struwwelpeter" (nicht erst seit heute) eher monströs, makaber und traumatisch auf sein Zielpublikum.
Julian Crouch und Phelim McDermott
mussten den Stoff in ihrer Bearbeitung also kaum übertreiben und verändern, um daraus die groteske Junkopera SHOCKHEADED PETER werden zu lassen.
So reihen sich dann die pädagogisch "wertvollen" Helden der Buchvorlage in den Tagesablauf einer fünfköpfigen Familie (mit Pinguin) ein. Die einzelnen Episoden werden mit schwarzem britischen Humor bis zum tödlichen Ende durchexerziert. Dabei wird heimeliches Familienidyll ebenso zertrümmert, wie mit der "schwarzpädagogischen" Vorlage abgerechnet.

Die Tiger Lillies haben dazu eine passgenaue Musik komponiert. Die zitatenreiche Klangcollage lässt sich unmöglich stilistisch festlegen, wenn Kurt Weill grüßen lässt und sich Punk, Rock und Pop die Klinke in die Hand geben.

Die optische Seite der Inszenierung von Tilo Nest spart auch nicht mit Zitaten. Die ROCKY HORROR SHOW, THE ADDAMS FAMILY und ganz viel Tim Burton sorgen für ein angemessenes Deja vu - Erlebnis und unterstützen Musik und Text optimal.

Regisseur Nest jagt das grandios spielenden kleine Ensemble durch eine Inszenierung, die immer genau weiß, wo sie ihre Grenzen setzen muss. Monstrosität, Splatter und Provokation finden in einer Lightversion statt. Das Lachen bleibt einem mitunter im Hals stecken, aber der Spass vergeht nie.

Anlässlich der Premiere wurde von "Welttheater" in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden gesprochen.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

kevin (119 Bewertungen, ∅ 3.4 Sterne)


Kernfamilie mit Pinguin

19.12.2016 - Einstmals als wohlmeinende Erziehungshilfe von Heinrich Hoffmann erdacht, wirkt "Der Struwwelpeter" (nicht erst seit heute) eher monströs, makaber und traumatisch auf sein Zielpublikum.
Julian Crouch und Phelim McDermott
mussten den Stoff in ihrer Bearbeitung also kaum übertreiben und verändern, um daraus die groteske Junkopera SHOCKHEADED PETER werden zu lassen.
So reihen sich dann die pädagogisch "wertvollen" Helden der Buchvorlage in den Tagesablauf einer fünfköpfigen Familie (mit Pinguin) ein. Die einzelnen Episoden werden mit schwarzem britischen Humor bis zum tödlichen Ende durchexerziert. Dabei wird heimeliches Familienidyll ebenso zertrümmert, wie mit der "schwarzpädagogischen" Vorlage abgerechnet.

Die Tiger Lillies haben dazu eine passgenaue Musik komponiert. Die zitatenreiche Klangcollage lässt sich unmöglich stilistisch festlegen, wenn Kurt Weill grüßen lässt und sich Punk, Rock und Pop die Klinke in die Hand geben.

Die optische Seite der Inszenierung von Tilo Nest spart auch nicht mit Zitaten. Die ROCKY HORROR SHOW, THE ADDAMS FAMILY und ganz viel Tim Burton sorgen für ein angemessenes Deja vu - Erlebnis und unterstützen Musik und Text optimal.

Regisseur Nest jagt das grandios spielenden kleine Ensemble durch eine Inszenierung, die immer genau weiß, wo sie ihre Grenzen setzen muss. Monstrosität, Splatter und Provokation finden in einer Lightversion statt. Das Lachen bleibt einem mitunter im Hals stecken, aber der Spass vergeht nie.

Anlässlich der Premiere wurde von "Welttheater" in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden gesprochen.
Dem ist nichts hinzuzufügen.


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Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Überspitzte szenische Umsetzung der Kinderbuchklassikers, kreativ inszeniert, mit Elan gespielt und von einer hervorragenden Band begleitet. Ein Fest für Freunde des tiefschwarzen, surrealen Humors.

04.11.2016

 Termine
Di02.05.19:30 Uhr


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