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HintergrundProbenbericht von "Artus-Excalibur"
Auf nach Camelot: Tecklenburg im "Artus"-Probenfieber
 
Seit dem 20. Mai 2016 geht es rund im Musical-Mekka des Münsterlands: An sieben Tagen in der Woche wird unter Hochdruck geprobt für die erste Großproduktion dieses Jahres: "Artus-Excalibur" feiert am 18. Juni 2016 in Tecklenburg sowohl seine Deutschland- als auch seine Open-Air-Premiere. Knapp vier Wochen Zeit also, um die Wildhorn'sche Musical-Vision der Artus-Sage auf die Bühne zu bringen. Anlässlich der bevorstehenden Premiere schauten wir uns die erste komplette Durchlaufprobe an, erhielten spannende Einblicke in die Probenarbeit und trafen neben Intendanten Radulf Beuleke, Regisseur Ulrich Wiggers und Choreografin Kati Heidebrecht auch Teile der Cast zum lockeren Plausch. Dabei wurde nicht nur deutlich, dass "Artus" – wenig überraschend – wie gemacht ist für die Tecklenburger Burgruine, sondern auch, dass sich die Zuschauer auf eine packende Inszenierung mit einer großartigen Besetzung freuen dürfen.
Probenbericht von Silke Milpauer

Wie muss man sich die Probenarbeit in Tecklenburg vorstellen? Wie sind die Proben strukturiert? Wie läuft alles ab? Fragen über Fragen… und wer könnte sie besser beantworten als Intendant Radulf Beuleke, der uns zur sogenannten "Durchlaufprobe" eingeladen hat. Das heißt, heute, am 10. Juni und damit genau acht Tage vor der großen Premiere, werden beide Akte erstmals komplett durchgespielt – natürlich noch ohne Kostüme, Orchester oder Mikros. Hinter der Bühne herrscht eine gewisse Anspannung. Solisten, Ensemble, Chor und Statisten – gemeinsam immerhin eine fast hundert Mann starke Truppe – stellen sich allesamt die Frage, wie – und ob! – wohl alles zusammenkommt.

Während auf der Bühne noch die "Tafelrunde" geprobt wird, nehmen wir im leeren Zuschauerraum Platz – ein ungewohntes Gefühl! Fasziniert sehen wir zu, wie Artus' auserwählter Reigen tapferer Ritter aus Konstruktionen, die im ersten Moment wie bloße Schilde aussehen, die berühmte Tafelrunde errichtet. Raffiniert gemacht! Dabei erleben wir auch Ulrich Wiggers live in Aktion, der in diesem Jahr Tecklenburgs Hausregisseur ist und auch die zweite Großproduktion "Saturday Night Fever" betreut. Es ist spannend zu beobachten, wie intensiv Wiggers mit der Cast arbeitet. Er hat genaue Vorstellungen, die er gemeinsam mit allen umsetzt und strahlt dabei eine gewisse Ruhe aus. Gelassen läuft's!

"Ich habe die Uraufführung in St Gallen bei der Premiere gesehen und war sehr angetan von der Musik. Die Geschichte um Artus, Lancelot, Guinevere und Merlin hat mich schon immer fasziniert!", erzählt Wiggers hinterher und verrät, dass er sofort seine eigenen Ideen zu diesem Stück gehabt habe. Daher sei er sofort hellauf begeistert gewesen, als die Anfrage kam, das Musical in Tecklenburg zu inszenieren. Denn er erkannte gleich: "Hier kann ich meine Ideen dazu realisieren!"

Ulrich Wiggers

Copyright: Freilichtspiele Tecklenburg

Bevor die eigentliche Durchlaufprobe beginnt, gibt Beuleke ein kurzes Update, was probentechnisch in den letzten drei Wochen gelaufen ist. Die ersten neun Tage waren komplett der Arbeit am ersten Akt gewidmet: Einzelne Szenen wurden einstudiert, dann in einen größeren Kontext gestellt, bis schließlich der komplette erste Akt fertig war und einmal durchgespielt werden konnte. Dasselbe passierte in den folgenden neun Tagen mit dem zweiten Akt. Diese Art von Proben – also rein technische Durchläufe des Stückes oder einzelner Teile – nennt man "Stellproben". Sie finden ohne Kostüme oder Orchesterbegleitung statt. Musikalisch werden sie in diesem Stadium - wie übrigens auch heute bei der Durchlaufprobe - lediglich von Dirigent Tjaard Kirsch und Pianist Boris Netsvetaev begleitet.

"Die Bühnenorchesterproben finden dann dieses Wochenende [Anmerkung der Redaktion: 11.,12. und 13. Juni] statt", erklärt Beuleke weiter. Das heißt, zu diesem Zeitpunkt trifft das Orchester erstmalig auf die Cast und die Proben werden erst ab dann von dem gesamten Orchester begleitet. "Optisch interessant", so der Intendant, werde es ab dem 14. Juni. Dann wird erstmalig mit kompletter Ausstattung und Kostümen geprobt.

Jetzt ist es 19:30 Uhr und Ulrich Wiggers mahnt zum pünktlichen Beginn der Durchlaufprobe. Wir schauen zu, wie sich die Handlung vor unseren Augen entfaltet und sind beeindruckt: Bis auf winzige Patzer (wie etwa, dass ein Solist zur falschen Seite abgeht) scheint alles wie am Schnürchen zu laufen. Die Texte sitzen, die Einsätze passen, das Wetter hält. Die Souffleuse blätterte eifrig im Textbuch mit, um bei Bedarf einsagen zu können, aber an diesem Abend hat sie herzlich wenig zu tun. Später, im regulären Spielbetrieb, sind die Darsteller übrigens komplett auf sich gestellt. Auch stimmlich und schauspielerisch präsentieren sich alle Künstler in Bestform. Ganz generell stellt sich der Eindruck ein, dass man zum jetzigen Zeitpunkt schon verdammt weit ist. Dass hier und da noch etwas gefeilt werden kann – geschenkt! Neben uns schreibt der Intendant fleißig seine Korrekturen, hinter uns macht sich der Regisseur seine Notizen. Im Fachjargon schimpft sich das "Notes" – Hinweise an die Darsteller also, was gut oder weniger gut gelaufen ist und was noch verbessert werden kann bzw. muss. Diese Notes erhalten die Darsteller im Anschluss an die Probe.

Was auffällt ist, dass Wiggers das Stück gestrafft hat und eine gehörige Portion Pathos rausgenommen hat. So ist beispielsweise der Prolog ("Das Feld der Ehre") gekürzt und insgesamt geht alles viel flüssiger ineinander über. Auch die Charaktere scheinen mehr Tiefe zu haben als noch bei der Uraufführung. Dass die Figuren – auch buchbedingt – blass bleiben, war ein Kritikpunkt der St. Gallener Inszenierung. Darauf angesprochen erklärt Wiggers: "Ich möchte immer eine Geschichte erzählen. Dazu gehört es, mit meinen Darstellern sehr genau und intensiv an den Haltungen und den inneren Zuständen der Charaktere zu arbeiten, damit eben dieser Eindruck gar nicht erst entsteht. Glücklicherweise habe ich diesen Eindruck zurzeit auch überhaupt nicht, denn alle meine Darsteller haben sich auf wunderbare Weise auf die Arbeit eingelassen und genießen u.a. unsere intensive Dialogarbeit! Gestern habe ich allen gesagt: Man kann den Zug nicht erst nach dem Anfahren auf die Schiene setzen, dann ist es schon zu spät!"

Das kann Milica Jovanovic, die die Guinevere spielt, nur bestätigen. Die genaue Textarbeit mit Ulrich Wiggers sei sehr besonders. Er lege großen Wert auf das Schauspiel der Darsteller und dass der Ton der Dialoge "pur und echt" klinge. "Ich habe das Gefühl, viel von ihm lernen zu können, weil er nicht schnell zufrieden mit mir ist", sagt die Darstellerin und lacht. Sie hat sich gemeinsam mit ihren Gesangslehrern Michele Friedman und Mark Garcia auf ihre Rolle vorbereitet und sich auch mit Dirigent Tjaard Kirsch vor Probenbeginn in Hamburg getroffen, um die Orchesterpartitur zu studieren und zu sehen, wann welche Instrumente in ihren Liedern spielen und was das für die Stimmung der einzelnen Songs bedeute. Das habe ihr geholfen, die Musik besser zu verstehen. Beim Lesen des Librettos dachte Jovanovic übrigens oft an ihre Lieblingsserie "Game of Thrones" und hat sich überlegt, wer Guinevere wohl in der Serie wäre. "Toll an Guinevre finde ich, dass sie eine Frau ist, die sich verteidigen kann."

Milica Jovanovic

Kevin Tarte; Copyright: Conny Wenk

Auch Kevin Tarte hat sich extensiv auf seine Rolle vorbereitet. Neben dem intensiven Studium der Musik war es ihm wichtig, einen eigenen Zugang zu Merlin zu finden. So hat er viel über diese mystische Figur gelesen, diverse Filme und Dokumentationen angeschaut. In der Maske sticht ein großer Notizblock ins Auge: ein handgeschriebenes Sammelsurium von Zitaten zu Merlin aus den unterschiedlichsten Werken. In diese vertieft sich Tarte in jeder freien Minute immer wieder. "Das hilft mir, zu ergründen, was für ein Charakter er ist und auch dabei, mich in ihn hineinzuversetzen", erzählt der Darsteller. Bemerkenswert findet er, dass Ulrich Wiggers und er von Anfang an auf einer Wellenlänge gewesen sind, was ihre Sichtweise Merlins angeht. "Wir haben uns bei der ersten Probe über unsere Vorstellungen unterhalten und festgestellt, dass diese komplett übereinstimmen. Sicher, Merlin ist ein Zauberer, aber es wäre falsch, ihn darauf zu reduzieren, denn er ist so viel mehr als das! In erster Linie ist er ein Mensch – und zwar ein Mensch, der sehr darunter leidet, dass er aus Pflichterfüllung verwerfliche Dinge getan hat. Merlin ist vielschichtig und aus dieser Vielschichtigkeit erwächst auch die Faszination, die Mystik, die von ihm ausgeht. Genau diese Vielschichtigkeit möchte ich in meiner Interpretation deutlich machen und ich bin begeistert, dass Uli mir dazu die Gelegenheit gibt."

"Merlin ist von Macht besessen", betont der Regisseur seinerseits und gibt gerne zu, dass seine Sicht auf diese Figur sicherlich "ungewöhnlich" sei. Aber genau da setze er mit seiner Interpretation an. "Ich bin dankbar, dass ich einen Darsteller wie Kevin Tarte habe, der sich auf diese Sichtweise sehr gerne eingelassen hat. Wir suchen eher die menschliche Seite dieser Figur und vor allem auch seine Fehler und Versäumnisse. Letzten Endes zieht Merlin auch aus dieser Erkenntnis seine Konsequenz!"

Doch zurück zur Probe. Der Bühnenaufbau im Hintergrund wurde optisch geschickt mit Teilen der Burgruine verblendet und trägt so dazu bei, die Illusion Camelots perfekt zu machen. Natürlich wird auch in dieser Produktion wieder die gesamte Bühne, alle verfügbaren Ebenen und Teile des Zuschauerraums bespielt – aber allzu viel soll nicht verraten werden. Nur so viel noch: Tecklenburg schafft auch in diesem Jahr wieder mächtige, beeindruckende Bilder, die noch lange nachwirken. Die Inszenierung ist actionreich, Fechtszenen (immerhin eigens unter Aufsicht eines waschechten Fechtmeisters einstudiert!) und Choreographien sind raffiniert und ausgeklügelt.

Wir fragen bei Choreografin Kati Heidebrecht nach, wie sie ihre Choreografien eigentlich entwickelt. Sie erklärt, dass sie zunächst das Buch lese und immer wieder die Musik höre. Dadurch ergäben sich bereits klare Bilder und Vorstellungen. Später treffe man sich mit dem Regisseur und rede über das Konzept, wodurch entweder noch andere Anstöße oder aber ganz andere Ideen entständen. "Das Stück fügt sich zusammen im Kopf!", bringt sie es auf den Punkt. Das Wichtigste sei aber, dass die Choreografie der Geschichte diene und diese erzähle. Sie selbst habe ein Faible für skurrile Bewegungen und Bewegungsabläufe, die sie einfügt, wann immer es passt Nach ihrer Lieblingschoreografie bei "Artus" gefragt, erwähnt Heidebrecht eine Szene, die uns schon während der Probe nachhaltig beeindruckt hat: "Bei 'Alles ist vorbei' trägt das Ensemble Artus, Guinevere und Lancelot als lebendes Bett auf die Bühne. Stilisiert wird dargestellt, dass Guinevere und Lancelot Artus betrügen. Das Ensemble hebt Guinevere und Lancelot in eindeutige Positionen, während Artus fassungslos zuschaut."

Kati Heidebrecht; Copyright: Tanja Hall

Armin Kahl, Dominik Hees; Copyright: Andrew Hill

Am Ende der Probe ist die Stimmung gelöst, weil alles gut geklappt hat. Selbst das Wetter hat mitgespielt, was bei den teilweise heftigen Wetterumschwüngen der letzten Woche keine Selbstverständlichkeit ist. "Der Natur mit all seinen Launen ausgesetzt zu sein, ist nichts für schwache Gemüter", meint Dominik Hees, der den Lancelot spielt. Er weiß wovon er spricht, denn "Artus-Excalibur" ist nach zwei Jahren Magdeburger Domplatz Open Air bereits sein dritter Freilicht-Sommer in Folge. Ihm ist ebenfalls bewusst, dass es in Tecklenburg auch in den Sommermonaten empfindlich kalt und nass werden kann. Auf die Frage hin, warum er sich das alles noch einmal antut, bekommt sein Blick etwas Entrücktes: "Im Abendrot zu proben oder beim Aufgang der Sterne die letzten Takte des Stücks zu erleben, ist für mich einfach wundervoll! Im Vergleich zur dunklen, staubigen Bühne im Theater genießen wir hier Tageslicht und frische Tecklenburger Landluft." Natürlich sei auch die Arbeit mit allen Kollegen und Regisseur Ulrich Wiggers wunderbar – in diesem Punkt sind sich alle Künstler einig. Da trotze man doch gerne den Launen der Natur.

Hees' Tipp "Warm und wasserfest anziehen… und viel heißen Tee trinken!" sollten auch die Zuschauer berücksichtigen, wenn sie sich ab dem 18. Juni ins Britannien des fünften Jahrhunderts zurückversetzen lassen, um sich von der Magie der Artussage einfangen zu lassen. Artus-Darsteller Armin Kahl verspricht "spektakuläre Bühnenkämpfe mit Schwertern, Lanzen und Fäusten, tolle mittelalterliche Kostüme und eine ans Herz gehende Geschichte um Freundschaft, Liebe und Verrat". Na, also dann – auf nach Camelot!

 
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